God Bless America

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God Bless America… Mit Trump an der Macht brauchen die Amerikaner das wohl mehr denn je. Nachdem die USA zu meiner zweiten Heimat geworden ist, möchte ich meine Überlegungen zu dem Wahlausgang hier kundtun. Im Folgenden versuche ich vor allem zeigen, wieso Trump so viel Zustimmung bekommen konnte, wo er doch anfangs als Clown abgestempelt wurde, der sich einen Spaß erlaubt, aber bei dem man eher die Augen verdreht, als dass man lachen könnte.

            Metaphern eignen sich meist gut, um abstrakte Ereignisse besser verständlich machen zu können. Ich möchte daher mit einer kurzen Metapher beginnen. Stellen wir uns vor, die Gesellschaft ist eine Suppe und die Staatsbürger sind die meisten der Zutaten. Wer öfters eine Suppe selbst gekocht hat, weiß, dass Gewürze oft essentiell sind und viele verschiedene und exotische Gewürze bzw. generell Zutaten machen die Suppe meist umso geschmackvoller und interessanter. Oft braucht eine Suppe von den Gewürzen nicht viel um sie zu verfeinern und auch wenn es nicht viel ist, so fällt es doch auf, wenn sie gänzlich fehlen. Das heißt, jede Zutat in einer Suppe hat ihre eigene, wichtige, unverzichtbare Rolle. Nehmen wir diese Analogie der Suppe und kehren wieder in die Realität zurück, zeigt die momentane gesellschaftliche Situation, dass die einzelnen Zutaten (wahlberechtigte Bürger) aufgrund von unterschiedlichsten Faktoren nicht mehr wissen, welche Funktion sie in der Suppe (Gesellschaft) eigentlich einnehmen und ob dieser Platz, wenn es ihn denn noch gäbe, überhaupt wertgeschätzt wird. Die Globalisierung, standardisierte Tests und Verfahren, sowie auf vielen Ebenen weitreichende Anonymität haben es schwierig für die Amerikaner gemacht, ihren Platz in der Suppe noch sehen zu können, geschweige denn ihren Platz für wertvoll und unablässig zu betrachten.

“Wer wählt schon bitte Trump?!” – für die meisten Europäer wohl eine oft gestellte Frage, die aber nicht rhetorisch gestellt, sondern hinterfragt werden muss. Von den Wahlberechtigten haben 63% der weißen Männer[1], 62% in Kleinstädten und ländlichen Gebieten lebend und 50% mit einem Jahreseinkommen zwischen 50.000 und $99.9999 für Trump gewählt[2]. Allgemeiner formuliert sprechen wir hier von den weißen Familienväter mit einem moderaten Gehalt, in einem Vorort wohnend und ein bescheidenes, aber kein ärmliches Leben führend. Für sie hat sich durch die Globalisierung vieles verändert und sie sehen in dieser Suppe schwimmend ihren notwendigen Platz darin nicht mehr. Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Daten von der New York Times veröffentlicht, sehen wir, dass sowohl die Immigranten als auch die aktuelle wirtschaftliche Situation der USA ausschlaggebende Faktoren für die Wählerschaft von Trump waren. Weder sehen die Menschen dieser Wählergruppe noch den für sie eigentlich vorgesehenen Platz, noch ist der Traum vom Tellerwischer zum Millionär noch zu träumen.

            Gefühle werden gerne unterschätzt; wir reden von “Gefühlsduselei”. Umso stärker die Gefühle sind, umso eher wird der Mensch sich dazu entscheiden, diese Handlung zu verwirklichen. Gefühle müssen von der Vernunft getrennt werden, aber dürfen nicht als Gegenteil angesehen werden. Dank der Aufklärung befinden wir uns in einer von (leider weniger als mehr) Vernunft geleiteten Welt, selbstbestimmt und ohne metaphysischem Determinismus. Dabei hat die Aufklärung aber womöglich nicht intendiert, dass die Gefühle komplett ignorieren werden sollen. Erst wenn wir uns über diese bewusst sind, können wir über sie reflektieren, können uns fragen, ob sie gerechtfertigt sind, welche Ursache sie haben und wie wir mit ihnen umgehen sollten. Sich mit seinen Gefühlen zu beschäftigen, mögen sie nun gerechtfertigt sein oder nicht, bedeutet also, erst dadurch die Möglichkeit zu besitzen, vernünftig über die Gefühle, seine Situation und nächsten Handlungen urteilen und entscheiden zu können.

            Nun befinden wir uns in dem – manchmal auch negativ konnotierten – postfaktischen Zeitalter, sprich einer Zeit, in der keine Fakten mehr ausschlaggebend für die Meinung und Handlungen der Bürger sind, sondern ausschließlich welche Gefühle übermittelt werden. Das postfaktische Zeitalter ist jedoch meiner Ansicht nach keine Rechtfertigung dafür, dass die Menschen jetzt mehr auf ihre Gefühle hören würden und somit all die verärgerten, enttäuschten Amerikaner die richtige Entscheidung getroffen hätten, Trump zu wählen. Schon Kinder können sich sehr bewusst über ihre Gefühle sein – Unterlippen und Krokodilstränen lassen grüßen. Aber Kinder können noch nicht in dem Ausmaße über ihre Gefühle reflektieren, wie ich von wahlbefähigten Bürgern erwarten würde. In diesem postfaktischen Zeitalter bewegen wir uns in unserer Menschheitsgeschichte zurück, wir werden Kinder, die von Gefühlen geleitet Handlungen setzen und Entscheidungen treffen. Außerdem ist es wesentlich bequemer, nicht über seinen eigenen Gefühlszustand zu reflektieren, erstens ist dieses “über etwas nachdenken” viel zu anstrengend, immerhin strengt man sich in der Arbeit und auf der Uni schon genug an. Außerdem wäre der Moment, in dem einem klar werden würde, dass eigenen Gefühle vielleicht nicht so gerechtfertigt sind wie man angenommen hat, ein unangenehmer Moment, welchem man in erster Linie aus dem Weg gehen möchte.

            Was hat jetzt Trump mit all dem zu tun? Nun, Trump ist nicht die Ursache, sondern ein Symptom des postfaktischen Zeitalters. Auch auf Trump treffen all diese Beschreibungen zu, er ist Teil dieser neuen, postfaktischen Entwicklung. Er reagiert konkret auf die Gefühle der Menschen und würde, in Anbetracht seiner Aussagen, instinktiv und unreflektiert handeln. Darüber hinaus nützt er die Distanzierung von Fakten und Tatsachen, um die Gefühle nicht nur hervorzuheben und zu betonen, sondern er kreiert auch neue (Angst, Wut und Enttäuschung gegenüber dem “Establishment”). Wie ich zu Beginn schon erwähnt habe, umso mehr und intensiver die Gefühle sind, umso leichter lassen sich Menschen zu bestimmten Handlungen und Einstellungen leiten. Trump hat so viel gelogen wie noch kein Präsidentschaftskandidat vor ihm und womöglich hat er gerade deswegen gewonnen.

            Durch seine Art, unreflektiert und überwiegend mit Emotionen aufgeladenen Aussagen und Handlungen zu tätigen, unterstützt er damit die Tendenz seine Gefühle und Handlungen nicht zu reflektieren und auf Fakten zu verzichten. Das Gefühl der Nicht-Anerkennung von Seiten der Regierung bzw. das Verlorensein der eigenen Rolle in der Gesellschaft, Bequemlichkeit in Bezug auf die Beschäftigung mit seinen Gefühlen und Einstellungen und die Ignoranz von Fakten haben Amerikas Bürger dazu bewegt, Trump als ihren neuen Präsidenten zu wählen.

Alle Rechte vorbehalten.

[1] https://www.theguardian.com/us-news/2016/nov/09/white-voters-victory-donald-trump-exit-polls

[2] http://www.nytimes.com/interactive/2016/11/08/us/politics/election-exit-polls.html?_r=0

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