Neoliberalismus & Terrorismus – I. Teil

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In den nächsten zwei Blogeinträgen möchte ich zeigen, wie der Neoliberalismus durch die Atomisierung der Gesellschaft Türen für den Terrorismus öffnet. Der erste Teil widmet sich der Frage nach den Eigenschaften des Neoliberalismus’ und der damit einhergehenden Atomisierung. Im darauffolgenden Teil wird erläutert, wie sich daraus der Terrorismus nähren kann.

Charakteristisch für den Neoliberalismus ist, dass wir zu einem konkurrierenden Subjekt – bzw. beinahe schon Objekt – geworden sind. So wie Güter am Markt angeboten werden, so bieten auch wir uns am Arbeitsmarkt an und konkurrieren innerhalb dessen. Wer hier nicht mithalten kann ist raus, gilt als Versager, als schlecht und leistungsschwach. So schreibt auch der Psychologe und Professor an der Universität Gent: “meritocratic neoliberalism favours certain personality traits and penalises others.” Der leistungsorientierte Neoliberalismus beinhaltet demnach die Eigenschaft, gewisses Verhalten von uns in der Öffentlichkeit zu belohnen – durch Geld, (scheinbare) Anerkennung, Beförderungen, etc. Jedoch funktionieren Menschen nicht wie Maschinen, auch wenn die neoliberale Wirtschaftsstruktur das durch ihre Mechanismen so insinuiert. Menschen können nicht aufgrund von, von der Wirtschaftsstruktur vorgegebenen Faktoren und Umständen unmittelbar funktionieren, sie sind keine Maschinen, die ausschließlich darauf ausgerichtet sind zu produzieren und konsumieren. Jedoch konzentriert sich der Neoliberalismus genau darauf. “Neoliberalism sees competition as the refining characteristics of human relations. It redefines citizens as consumers, whose democratic choices are best exercised by buying and selling, a process that rewards merit and punishes inefficiency.

Wichtig für die weitere Erläuterung ist hier meines Erachtens die Erkenntnis, dass Menschen im Neoliberalismus auf ihre Eigenschaften des Arbeitens und Konsumierens beschränkt werden und darauf auch ihre spezifischen menschlichen Beziehungen aufbauen. Mit Hannah Arendt gesprochen werden Menschen und Gemeinschaften, die durch ihr Produzieren und Konsumieren gewertet werden (wie durch das BIP), in den privaten Bereich des Arbeitens und Konsumieren zurückgedrängt. Dieser private Bereich beschränkt sich ausschließlich auf den Lebenserhalt und besitzt damit keinerlei Öffentlichkeitscharakter und folglich auch keinen politischen Charakter. Politik bedeutet aber gemeinsam sich zusammenzufinden und zu handeln.² Demnach vereinzelt der Neoliberalismus die Gesellschaft durch seine konkurrenzorientierte Wirtschaftsstruktur, die die Individualisierung per definitionem in statu nascendi enthält und dekonstruiert damit schleichend die Möglichkeit des eigentlich Politischen der Gesellschaft.

Ein weiteres Argument bezüglich der Annahme, der Neoliberalismus vereinzele, ist die des steigenden Aufkommens von Menschen mit narzisstischen Störungen sowie psychischen Krankheiten, die sich auf selbstzerstörerisches Verhalten beziehen, wie der anorexia nervosa oder des “Ritzens”. Im Narzissmus fehlt es dem Ich, dem Subjekt, an ausreichend Selbstwertgefühl. Um dieses Defizit auszugleichen, versucht das Ich sein Selbst durch ein Zurechtbiegen des Anderen zu stärken. Es fokussiert sich demnach so lange und intensiv auf das Andere und bearbeitet dieses, bis es schließlich seinen eigenen Ansprüchen entspricht. Die Grenze zwischen dem Ich und dem Anderen löst sich auf, das Subjekt bedarf des Anderen um sein eigenes Ich zu stärken. Ohne diese Bindung an das Andere wird “das Ich auf sich selbst geworfen, was negative Gefühle wie Angst oder Leere entwickelt.” Diese Leere finden wir auch in den psychischen Krankheiten. Menschen die sich Ritzen, so schreibt Byun-Chul Han in seinem Essay weiter, fühlen sich oft leer, sie spüren sich selbst nicht mehr. Um überhaupt etwas spüren zu können, ritzen sie sich.

Wie lassen sich nun psychische Erkrankungen der Selbstverletzung mit dem Neoliberalismus verbinden? Jene Selbstzerstörung hat ihren Ursprung in dem fehlenden Selbstwertgefühl und dieses Selbstwertgefühl wiederum wird dadurch geschwächt, dass sich Menschen selbst immer mehr objektivieren und perfektionieren um zu funktionieren. Misslingt dies, erwächst das Gefühl niemand zu sein, nichts wert zu sein. Die Selbstverletzung ist scheinbar ein verzweifelter Ausweg sich selbst zu fühlen, da dieses Sich-selbst-fühlen auf andere Weise nicht mehr möglich ist. “the body shifts to being at the forefront of the anorexic’s attention in an objectified manner. In AN […] the body is experienced as object-like and overly present.”¹ So beschreibt die Philosophin Hannah Bowden in Bezug auf anorexia nervosa zwei wesentliche Phänomene; erstens die Objektivierung des Körpers und zweitens den narzisstischen Charakter der aufgeblähten Wahrnehmung des Selbst.

Byung-Chul Han führt weiters den Begriff der Authentizität – bzw. vielmehr das Missverständnis der eigentlichen Authentizität – als Faktor für die Stärkung des Narzissmus’ ein. Durch die neoliberale Produktionsstrategie wird der Mensch als Produkt  zum Produkt seiner Selbst. Wenn das Produkt nicht funktioniert, sind wir die Versager, die, die verloren haben, diejenigen, die es nicht geschafft haben und damit nicht gut genug sind. Aus dem ständigen Zwang ein gelungenes Produkt zu sein und nicht scheitern zu dürfen, entsteht permanente Angst. Angst wiederum führt zu Unsicherheit die die Spirale der Sucht (welche das Ritzen und Magersucht u.a. charakterisiert) weiter fortführen lässt.

Neben der Authentizität ist für Byung-Chul Han auch die schon erwähnte Konkurrenz ein Faktor für steigenden Narzissmus und selbstverletzende psychische Krankheiten. Politisch gesehen lässt uns Konkurrenz nur gegeneinander, maximal füreinander, aber niemals miteinander agieren. Jedoch erwächst nach Arendt Macht (und damit auch politische Macht) nur durch gemeinsames Handeln im Sinne des Miteinander. Ist dies nicht gegeben, zerfällt die Gemeinschaft oder Gruppe und damit einhergehend auch ihre Macht beziehungsweise andersrum lässt sich keine bilden. Dieses Vorkommnis werde ich im zweiten Teil weiter ausbauen.

Zusammenfassend für den ersten Teil lässt sich sagen, dass in der neoliberalen Gesellschaft das Selbstwertgefühl durch Konkurrenz und den dominierenden Gedanken des Produzieren und Konsumieren schwindet und an dessen Stelle vermehrt der Narzissmus und begleitend damit die selbstzerstörenden psychischen Krankheiten, die diese Leerstelle des fehlenden Selbstwertgefühls hoffnungsvoll füllen sollen, getreten sind. Das Zurückdrängen in den Bereich des Privaten durch ein, ausschließlich auf den Körper bezogenes Arbeiten und Konsumieren, sowie der damit zusammenhängende Narzissmus und psychische Erkrankungen verursachen eine Atomisierung der Gesellschaft. Das miteinander Handeln, welches einen politischen Raum eröffnet, geht verloren und an dessen Stelle tritt sukzessive eine auf das Individuum beschränkte, weder sich selbst noch jemand anderen wertschätzende Gesellschaft.

¹Hannah Bowden (2012): “A phenomenological study of anorexia nervosa” in Philosophy, Psychiatry & Psychology, Vol. 19
²Hannah Arendt: “Vita activa – oder Vom tätigen Leben”

Alle Rechte vorbehalten.

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