Generation Y

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Während die einen, wie Angela Merkel und Martin Schulz, konsequent an ihren Positionen festhalten und ihren Platz für sich reserviert halten, sind woanders eine jüngere Generation auf dem Vormarsch, die Zügel in die Hand zu nehmen. Emmanuel Macron in Frankreich oder Sebastian Kurz in Österreich sind im Moment die Vorzeige-Jungs auf der politischen Bühne Europas. Macron fast, Kurz aber sicher, sind Teil der Jahrgänge zwischen 1980 und 1999, also der Generation Y, wie sie auch gerne genannt wird. Wie sieht diese Generation aus, die in den kommenden Jahren immer mehr die Posten besetzen wird?

Die Generation Y ist in Europa weitestgehend im Frieden aufgewachsen. Ihre Eltern haben meist eine bessere Ausbildung als die Großeltern erhalten. Während diese noch von den Kriegsjahren zerrüttet waren und um ihr blankes Überleben hofften, waren der darauffolgenden Generation ein guter Job und ein sicheres Einkommen wichtig. Für Unternehmer gab es, nachdem die Nachkriegszeit überstanden war, durch die voranschreitende Marktöffnung immer mehr wirtschaftliche Möglichkeiten. In den 60er und 70er Jahren florierte die Wirtschaft und sowohl für das Unternehmenswachstum als auch für Arbeit war gesorgt. Diesen Aufschwung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges behielt die Elterngeneration im Kopf und wollte es ihren Kindern weitergeben. Optimismus wurde der Generation Y sozusagen in die Wiege gelegt.

Die Euphorie der Eltern, ihren Kindern würde es mit Sicherheit einmal besser gehen, geht jedoch auch in einen überschwänglichen Zuspruch über, alles, was das Kind mache, müsse herausragend und von Bedeutung sein. Der „Laissez-Faire“ Erziehungsstil kam in Mode, womit den Kindern mehr Mitspracherecht in der Erziehung gegeben wurde. Autorität war out. Daraus haben die Kinder dieser Generation Eigenschaften entwickelt, die von älteren Generationen mittlerweile sehr negativ angesehen werden. Zu hohe Selbstsicherheit, wenig Biss im Arbeitsleben, Egozentrismus und Narzissmus. Sie sind selbstbestimmt, gewohnt gefragt zu werden und die Wahl zu haben. Man möchte beides, sowohl einen sinnerfüllten Job, mit dessen Gehalt man gut leben kann, als auch genug Zeit, Kinder großziehen und seinen Hobbies nachzugehen um im psychischen Gleichgewicht zu bleiben. Arbeitgeber fürchten, künftige Arbeitnehmer zu bekommen, die zu wenig Fleiß und Ehrgeiz mitbringen würden. Doch so negativ darf die junge Generation nicht gesehen werden.

Legt man die Bedürfnispyramide nach Maslow in einen historischen Kontext, zeigt sich, dass sich die Generationen immer mehr „hinaufarbeiten” konnten. Zur Zeit der Großeltern saß der Krieg noch in den Knochen und die größte Krise war der Hunger. Fleisch und Süßes waren Luxus. Urlaub konnten sich nur die wenigsten leisten. Das war normal.

Die darauffolgende Generation war, geprägt durch die Kriegsgeschichten der Familie und mit einer distanzierten Sicht auf diese, überzeugt, nie wieder Krieg erleben zu müssen. Die physische Sicherheit als fundamentale Stufe der Bedürfnispyramide war gegeben. Durch den freier werdenden Markt strebte man nicht mehr nur Grundlebensmittel an, sondern sorgte sich nun um seinen Besitz. Die immer größer werdende Öffnung des Marktes und der wirtschaftliche Erfolg brachten mit sich, dass der Konsum hoch erkoren wurde. Man brauchte ein Auto und ein Haus. Besitz versprach sowohl Sicherheit als auch soziale Anerkennung. Die Gründungsstaaten Frankreich, Deutschland, Italien sowie die Benelux-Staaten wuchsen mit der Gründung der anfänglichen EWG zusammen. Dies versprach sowohl wirtschaftliche Sicherheit als auch politischen Frieden. Diese Transformation, notwendig für gesellschaftliche Stabilität, war nach dem Soziologen Ulrich Beck charakteristisch für das Bewusstsein der damaligen Risikogesellschaft.

Nun hat die Generation Y sowohl die physiologische als auch die materielle Sicherheit. Reisefreiheit und freier Warenverkehr sind wichtige Fundamente der EU, mit denen junge Menschen aufgewachsen sind. Die Märkte sind weitestgehend offen und es besteht die Möglichkeit, Produkte aus der ganzen Welt zu erwerben – das ist normal und hat keinen Reiz mehr. Wonach nun gestrebt wird, ist die persönliche Erfüllung, die höchste Stufe der Bedürfnispyramide. Und diese wird nicht nur durch das Arbeiten alleine erfüllt, sondern durch Freizeitaktivitäten, das Reisen, Familie und Freunde. Darüber hinaus soll der Beruf an sich mehr Selbsterfüllung und Sinn bringen, anstatt nur Geld. Die junge Generation kann es sich leisten, wenig zu besitzen, denn sie ist aufgewachsen inmitten des Konsumrausches. Sie weiß, wie es ist, alle möglichen Küchengeräte zu besitzen aber nie zu benutzen. Sie weiß, wie sehr der neue Familienwagen bestaunt, und wie sehr er mit Staub bedeckt wurde. Das Statussymbol des Autos verliert an Bedeutung. Stattdessen werden Autos geteilt oder ausgeliehen, zip-car und car-to-go lassen grüßen. Und auch sonst will man so wenig als möglich besitzen. Statt DVD’s und Fernseher wird am Laptop Netflix gesehen, statt CD’s gibt es Spotify und Kleider werden lieber getauscht als gekauft.

Die Identität, die diese Generation Y entwickelte, ist eine mehrheitlich universalistische. Aufgewachsen mit dem Internet gab es immer weniger geografische Grenzen, die Welt „wuchs zusammen”. Die Generation Y sieht amerikanische Comediens und japanische Mangas. Sie macht ein Austauschjahr während der Schulzeit, ist Au-pair oder macht work-and-travel nach dem Abitur und geht mit Erasmus im Studium ins Ausland. Freundschaften, die so auf der ganzen Welt verstreut geschlossen werden, verwaltet man anschließend auf facebook, um – mehr oder weniger – in Kontakt zu bleiben. Die Identität dieser Menschen setzt sich zusammen aus den unterschiedlichsten Kulturen, aus Bekanntschaften, Freundschaften und Liebschaften aus der ganzen Welt.

Während diese Menschen zwar keinen Krieg am eigenen Leib miterleben mussten, sind sie dennoch geprägt von Krisen. Einschneidende Momente waren auf politischer Seite der Anschlag 9/11 sowie auf wirtschaftlicher Seite die Finanzkrise 2008. Seitdem hören sie von den Krisen im Nahen Osten, der Klimakrise, Wirtschaftskrise, Euro-Krise und Flüchtlingskrise. Und während in den Nachrichten laufend von diesen Krisen berichtet wird, dreht sich die Welt weiter. Es muss irgendwie weitergehen und das wissen die jungen Menschen, die noch ihre Familiengründung und ihre Rente vor sich haben. Wo nichts möglich ist, ist auch wieder alles möglich. Diese Generation hat somit „alle Möglichkeiten der Welt”.

Alle Möglichkeiten der Welt zu haben bedeutet auf der anderen Seite jedoch auch, all diese Möglichkeiten nicht ergreifen zu können. Die Finanzkrise 2008, Outsourcing von Arbeitsplätzen und ein Wandel hin zur Digitalisierung haben den Berufseinstieg dieser Generation nicht sonderlich leicht gemacht. Nicht nur die Jobchancen sind schlecht, das Gehalt ist niedriger als das der älteren Kollegen und die Wohnkosten in den meisten Städten sind so sehr angestiegen, dass man noch etwas länger bei den Eltern oder der WG bleibt. Optimismus sieht anders aus.

Die Generation Y ist, wie der Buchstabe treffend abbildet, sowohl geöffnet als auch gespalten. Vielleicht gibt es keine großen Bewegungen, wie die Arbeiterbewegung oder die Umweltbewegung. Doch die Kinder dieser Generation haben etwas, das sie von ihren Vorgängern unterscheidet. Wie der italienische Philosoph Giorgio Agamben in einem Interview sagt, steht im Zentrum der Gesellschaft zunehmend weniger das Eigentum. Vielmehr geht es um den Gebrauch von etwas, anstatt es bloß zu besitzen. Die Generation Y, aus dem materiellen Fetischcharakter der Ware ausgetreten, besitzt die Möglichkeit, sich dem bloßen, in der Prozessdynamik befindenden Gebrauch von Ereignissen anzunehmen um sie neu zu gestalten und zu formen. Sie muss die Bereitschaft ergreifen, die immaterielle, prozesshafte Form von Geschehnissen zu erkennen um ein sozial-politisches Zusammenleben auch nachhaltig zu sichern. Während die vorige Generation in einer Risikogesellschaft nach Beck lebte und Transformation als essentiellen Baustein ansah, eröffnet sich nunmehr nach Beck die Metamorphose. Wesentlich ist demnach nicht nur die Änderung der bestehenden Form, sondern vielmehr eine radikale Änderung der Form an sich.

 

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