Ideal: Identität

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„Völkisches und autoritäres Denken gehören zusammen, weil ihr gemeinsames Ideal die Identität ist.“[1] Was bedeutet die Aussage, als gemeinsames Ideal die Identität zu haben?

Während unter völkischem Denken die bewusste Abgrenzung eines „Volkes“ gegenüber anderen Völkern in allen Beziehungen verstanden wird, ist autoritäres Denken verbunden mit einem System, dessen Machterhalt erzwungen wird und daher auch keine anderen Meinungen sowohl im Öffentlichen als auch im Privaten zulässt. Im Folgenden versuche ich zu zeigen, inwiefern ihr gemeinsames Ideal die Identität ist, weil sie diese im Grunde eigentlich nicht haben, sondern Angst und Verlorensein sie antreibt.

Völkisches sowie autoritäres Denken definieren sich dadurch, dass es immer ein Wir und die Anderen gibt. „Wir“ wissen, wie es in Wahrheit richtig ist, die anderen vermeinen es nur besser zu wissen oder behindern „uns“ gar. In all den völkischen und autoritären Gedanken spielt die Abgrenzung gegenüber dem Anderen eine wesentliche Rolle, ohne Abgrenzung könnte sich das Wir nicht definieren und umso stärker es sich abgrenzt bzw. absetzt vom Anderen umso markanter definiert es sich. Das glauben zumindest diejenigen, die Teil dieses völkischen, autoritären Denkens sind.

Etwas in Gemeinschaft zu machen bringt eine Macht mit sich, die wesentlich mehr bewirken kann als Stärke und Kraft einzelner Personen alleine; Macht entsteht, wie Arendt schon erkannte, wenn sich Menschen zusammenfinden und gemeinsam handeln.[2] Populistische oder autoritäre Gruppen sind darum bemüht ihre Gruppen zu stärken, wobei sie sich nicht an qualitativen Eigenschaften orientieren, wie Sportler an ihrer Sportdisziplin oder Musiker mit ihrer Musik, sondern sie nähren sich aus willkürlichen, kontingenten und kaum definierbaren Merkmalen. So definieren sie sich über ein Land, dessen Grenzen willkürlich gezogen wurden und dessen Population durch Migration multikulturell ist (also sich über die unterschiedlichsten Traditionen, Herkünfte oder Geschichten definieren). Autoritäres und völkisches Denken nährt sich in Wahrheit nicht von Überzeugungen und Ideologien, die vernünftige, rationale Ziele auf eben diese Weise zu erreichen versuchen, sondern es nährt sich durch die im Grunde inhaltslose Abgrenzung gegenüber dem Anderen, es nährt sich durch seine Anhänger und die Identität, die sie einander versuchen zu geben, denn mehr haben sie nicht. Was sie haben, ist der verzweifelte Versuch Identität zu erlangen und ihren Frust, Ärger, Zurückweisung und Nichtanerkennung zu artikulieren.

Die Menschen, die ein nationalistisches und totalitäres Denken pflegen, sehen keine Möglichkeiten mehr auf einen besseren persönlichen, finanziellen Wohlstand oder den Kindern eine bessere Zukunft geben zu können. Am essenziellsten allerdings betrifft es diejenigen, die nie die Möglichkeit hatten oder denen die Möglichkeit genommen wurde ihre Identität zu konstituieren. Sie sind von Angst getrieben; Angst um ihren momentanen Wohlstand, Angst um ihre Zukunft, Angst etwas zu verlieren (dieses „etwas“ kann dabei sehr vielfältig ausfallen). Wie das Zitat zu Beginn so gut zusammenfasst; ihr Ideal ist die Identität. Ihre Suche, ihr verfolgtes Ziel, überschattet von vermeintlichen Ideologien und Theorien, ist die bloße Identität, weil sie sonst nichts haben, womit sie sich identifizieren könnten, weil sie, von Angst getrieben, sich verloren haben und nicht wissen, was ihr eigentliches Sein ist. Diese Menschen wissen also im Grunde nicht, wer sie sind, sie kennen ihre eigene Person so wenig, dass sie verloren in der Welt umhersuchen nach dem Wesentlichen des Menschsein; der eigenen Identität. Ihre Rettung ist letztlich das völkische Denken; ein Denken, das durch ein Abgrenzen gegenüber allem Anderen Identität stiftet, das plötzlich den Menschen einen Sinn im Leben gibt und ihnen gleichzeitig eine Antwort bietet, wieso sie in ihrem Leben unzufrieden sind[3]. Das allgemeine Gefühl der Unzufriedenheit lässt viele Ursachen für dieses zu, doch meist sind sich die Menschen nicht darüber bewusst, dass die eigentliche Ursache für ihre Unzufriedenheit aus der Suche nach Erfüllendem, das man nicht auszudrücken weiß, erwächst. Schuld, so lautet die Antwort, sind also die Anderen, die, die nicht zu „uns“ gehören, die, die „uns“ in die Lage gebracht haben, in der „wir“ jetzt sind. Sieht jemand keine Möglichkeiten mehr, erwächst das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, welches wiederum Frust und ein Gefühl von Schwäche hervorruft. Um dieses Gefühl zu kompensieren, schließen sich diese Menschen zu einer Gruppe zusammen, um Macht zu erlangen und der eigene Frust wird durch das Schlechtmachen der Anderen befriedigt.

Der Mangel an eigener, persönlicher Identität ruft ein Verhalten hervor, das die Identität anderswo sucht und sie in irrationalen aber emotional befriedigenden Antworten findet. Ein Mensch der sich über sich selbst definiert, braucht keine ausgrenzende Gruppe, er braucht kein Wir und keine Anderen um sich zu definieren, sich abzugrenzen.

Autoritäre und nationalistische Gruppen entstehen also, weil ihre Mitglieder (meist jedoch unbewusst) nach Identität suchen, weil sie verloren sind in der Welt.

[1] S. 14 der ZEIT vom 14.Juli 2016

[2] Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom Tätigen Leben. Und Macht und Gewalt.

[3] Die Person muss sich nicht bewusst sein, dass es ihr schlecht geht, aber es herrscht das Gefühl der Unzufriedenheit, der Suche nach etwas Erfüllendem, das man nicht auszudrücken weiß.

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Sozialdemokratie von tomorrow

Der aktuelle Film „Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen“ hat mich dazu bewegt, weiter darüber nachzudenken, wieso es in der heutigen Welt so schwierig ist, eine andere Richtung als eine marktwirtschaftliche Finanzpolitik zu verfolgen. Ich möchte hier eine Parallele ziehen zwischen der Idee von Alternativen und ihrer Umsetzung, als auch dem Verlust an Stärke der Sozialdemokraten in der westlichen Welt.

Während die populistischen Parteien oder einzelne Personen in Frankreich, Deutschland, Österreich oder den USA jubeln und Eigentore der anderen Parteien kassieren, stehen die sozialdemokratischen Parteien ziemlich hilflos da und versuchen emphatisch nach Lösungen, nach Wählern und einer allgemein gemäßigteren Stimmung, um die sogenannten Protestbewegungen im populistischen Sinne klein zu halten. Was ist passiert, dass Sarkozy trotz einer höheren Steuer für Reiche und einer Umverteilungskampagne an Stimmen verliert? Woher kommt es, dass BewohnerInnen aus Gemeindebauwohnungen, die von der SPÖ initiiert wurden, jetzt FPÖ wählen? Und wie kam es dazu, dass Trump die Kernthemen und Wählerschaft, nämlich die amerikanische Mittelschicht, um sich geschart hat, während Hilary Clinton vergeblich nach Glaubwürdigkeit ringt? Hier kommen wir zu einem wesentlichen Punkt: der Glaubwürdigkeit oder Authentizität. All diese Personen oder mit ihnen zusammenhängenden Parteien verlieren zunehmend an Glaubwürdigkeit. Das kann je nach Land unterschiedliche Gründe haben; in Deutschland und Österreich sterben den Sozialdemokraten schlicht die Wählerschaft weg, Junge wenden sich lieber Alternativen zu. Darüber hinaus befinden sich viele Wähler in einer Stagnation. Ihnen wurde ein besseres Leben versprochen, die Sozialdemokraten hätten vor allem durch die Wirtschaftskrise seit 2008 aufzeigen können, wie die Tatsachen aussehen. Doch stattdessen haben sie sich unauffällig dem Einheitsbrei beigefügt, haben zugestimmt, wenn die EU Austeritätsmaßnahmen vor allem sehr drastisch für Griechenland verhängt hat oder bei TTIP schulterzuckend dabeisitzt, anstatt die sozialen Folgen davon aufzuzeigen. Was hat sich der ehemalige österreichische Bundeskanzler Werner Faymann eigentlich gedacht, als er dem Druck der ÖVP und FPÖ nachgegeben hat und Zäune errichten und „Flüchtlingsobergrenzen“ einführen ließ? Welcher Sozialdemokrat stand hinter Matteo Renzi, als dieser alles in seiner Macht stehende tat um Flüchtlinge aufzunehmen, als auf Lampedusa die Menschen nicht zuerst murrten, sondern gemeinsam anpackten? Lange bat er um Unterstützung der EU, während diese zögerlich noch an irgendwelchen Plänen schmiedete. Wo bleibt die Internationale Solidarität, wenn man sie mal braucht? Die Sozialdemokraten wissen nicht so recht, was sie eigentlich wollen, und wenn sie es doch tun, sieht man ihnen es schon länger nicht mehr an. Vielleicht hilft es ihnen, einmal einen Blick auf ihre klassische Wählerschicht zu blicken: die gibt es nämlich nicht mehr. Die klassische Arbeiterschicht hat sich aufgelöst, die neue Gesellschaft, ihre Interessen, Probleme und Werte haben sich verändert. Dies lässt außerdem erklären, wieso auch die christlich sozialen Parteien an Wählerschaft verloren haben. Die Gesellschaft befindet sich in einem Wandel, während das, was sie seit 1945 politisch mitbekommen, sich nicht sonderlich geändert hat; rot, schwarz, rot-schwarz und zwischendurch kleine Ausschwenkungen. Während sich also die Gesellschaft stets weiter wandelt und mit immer neuen Problemen, Aufgaben und Schwerpunkten zu tun hat, haben die klassischen politischen Parteien den Zug der Zeit verpasst und stehen nun blöd am Bahnhof wie herbestellt und nicht abgeholt. Denn so ist es auch: es gab eine Zeit, da wollte man sie, da wurden sie herbestellt, da freute man sich über sie und sah in ihnen die Hoffnung auf etwas Neues, Besseres. Da war der österreichische Bundeskanzler Kreisky, der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt oder der amerikanische Bundespräsident John F. Kennedy. In ihnen und anderen sahen die Wähler ihre Rechte vertreten und damit auch die Anerkennung und Wertschätzung ihrer Werte, ein Gefühl des Respekts. Doch dann kam die Wirtschaftskrise 2008, die Flüchtlinge 2015 und so wirklich besser fühlt sich das Leben dieser Menschen, die all ihre Hoffnung und ihr Vertrauen in diese Menschen steckten, nicht. Es ist unvernünftig anzunehmen, dass eine Person oder einzelne Personen das individuelle Wohl eines jeden erheblich verbessern könnten und doch ist es vernünftig, dafür zu kämpfen und seine Prinzipien aufrechtzuerhalten. Während die Sozialdemokraten also ein wenig ratlos auf das Volk blicken und sich wundern, wo denn ihre Wähler geblieben sind, wenden die sich enttäuscht ab. Und sobald sich jemand abwendet, wendet er sich etwas anderem zu; der Alternative. Diese kann unterschiedlich aussehen und ich möchte im Folgenden aufzeigen, wie diese Alternative in positiver Hinsicht aussehen kann.

 

Wie zu Beginn erwähnt, wurde ich von dem Film „Tomorrow” inspiriert, der aufzeigte, wie Menschen beginnen, selbst etwas Neues zu machen, anstatt auf den oder die eine/n PolitikerIn zu warten. In einer begrenzten Welt ist es schlicht dumm anzunehmen, es könne unbegrenztes Wachstum geben. Sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht müssen wir uns bewusst werden, dass wir wesentlich mehr verbrauchen, als uns die Natur geben kann. Indem wir diesen globalen Trend aber aufrechterhalten und weiterleben, zerstören wir unsere eigene Lebensgrundlage, wir schaufeln unser eigenes Grab. Dabei ist das überhaupt nicht nötig, wir haben uns nur diesen Denkfehler des Neoliberalismus injiziert und glauben, die Welt funktioniere nur mit Öl, Macht, Gier und Geld. Vielleicht war der Sieg der freien Marktwirtschaft überhaupt kein Sieg, sondern die Planwirtschaft war einfach aus dem Rennen und neue Konkurrenten kamen hinzu, weil sich die Hindernisse verändert haben und nun neue Alternativen erscheinen, die für diese Hindernisse besser geeignet sind. Die erste Alternative ist also die der Wirtschaft. Die Gemeinwohl-Ökonomie[1] findet mittlerweile zahlreiche international anerkannte Vertreter, wie der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann, der Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München Helmut Lind, Prof. Dr. Manfred Nowak, Leiter des Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte, sowie die deutsche Gemeinde Augsburg oder die italienische Gemeine Laas. Das sind nur Beispiele. Auf der ganzen Welt, von Spanien bis Mexiko über die USA bis in die Schweiz finden sich Unternehmen, Politiker, Wissenschaftler und Privatpersonen, die daran beteiligt sind und die Idee mithilfe ihrer Fähigkeiten unterstützen. Diese Alternative wurde im Film leider nicht erwähnt, jedoch Unternehmen, die sozial sowie ökologisch nachhaltig wirtschaften und damit zudem auch noch ökonomisch effektiv waren. „Es ist viel wirtschaftlicher, auf ökologische Art zu produzieren – und es versöhnt die Wirtschaft mit der Ökologie, die Personalverwaltung mit einem rentablen Unternehmen.“, Emmanuel Druon, CEO des Unternehmens Pocheco. Auch in der Landwirtschaft sowie der Energie gelang es Menschen zum Beispiel in Frankreich, Irland oder den USA durch kleine Änderungen und Maßnahmen effiziente Erfolge im Bezug auf die Umwelt und sozialen Verhältnisse umzusetzen. San Francisco hat es geschafft 80% seines Abfalls zu recyceln. Weniger Abfall bedeutet folglich weniger Gebühren zu bezahlen. Ökologisch wirtschaften kann also sozialen Wohlstand mit sich führen. In Detroit, die Stadt, die nach dem Outsourcing der Autoindustrie zu eine Geisterstadt mutierte und hauptsächliche den Ärmsten Unterkunft bietet, ist mit der rasanten Abnahme der Einwohner auch die Versorgungsproduktion derart zurückgegangen, dass in der Stadt Versorgungsnot herrschte. Bevor Politiker noch Supermarktketten in die Stadt holten, beschlossen Detroits Bürger ihre eigenen Nahrungsmittel so weit wie möglich selbst und ökologisch nachhaltig anzupflanzen. Die Brachen wurden zur Bewirtschaftung von Beeten verwendet, an deren jeder mitarbeiten konnte. Die Partizipation der Bürger ist eine wesentliche und fundamentale Komponente in unserer Gesellschaft. Partizipation ermöglicht Autonomie, also Selbstbestimmung und eigenständiges Handeln. Der Mensch ist ein zoon politikon, ein gesellschaftliches Wesen, und damit liegt es im Menschen qua seines Menschsein sich in das gesellschaftliche Leben zu integrieren und dieses mitzubestimmen. Die Möglichkeit der Partizipation am gesellschaftlichen Leben zu verwehren, bedeutet demnach den Menschen in seiner Autonomie und seinem Wesen radikal einzuschränken und damit in seiner Würde zu verletzen. Die Menschen möchten mitbestimmen können, was mit ihnen, ihrer Umgebung passiert, sie möchten ihre Meinungen, Anliegen und Ideen umsetzen können. Nicht vor all zu langer Zeit haben Menschen noch über Kaiser Franz Josef und seine Regentschaft gesprochen, der Beginn der Demokratie ist also noch nicht so lange her und ihre Entwicklung noch ein weiter Weg. Nur wenn Menschen in das öffentliche Leben direkt und konkret einbezogen werden, bekommen sie einen Bezug zu diesem. Themen, Probleme oder Bereiche des öffentlichen Lebens werden von Bedeutung, gerade weil ein persönlicher Bezug hergestellt wurde. Bedeutung für etwas zu empfinden schafft Wert; wir empfinden etwas als wertvoll oder einer Sache Wert, wenn diese für uns große Bedeutung hat. Diese erlangen demnach einen höheren Stellenwert in unserem Leben. Da ich als Prämisse die Partizipation am öffentlichen Leben nannte, wird nicht das Geld für uns diesen Stellenwert einnehmen, sondern vielleicht die Bildung, Mitorganisation von Veranstaltungen, die freiwillige Feuerwehr oder die Gestaltung von öffentlichen Plätzen. Eigene Ideen und Interessen können hierbei umgesetzt werden.

Es liegt also im Menschen und seiner Natur, sich den Umständen seiner Umgebung anzupassen, nach neuen Möglichkeiten zu suchen und Initiativen zu setzen. Wir besitzen einen Überlebenstrieb und wenn es auch sehr weit hergeholt scheint, so handeln wir nur rational nach der Logik des Überlebens, wenn wir unsere Umwelt und unsere Mitmenschen respektvoll und nachhaltig behandeln. Wenn wir unsere Ökonomie nach den Leitwerten der Ökologie und sozialen Gerechtigkeit ausrichten, können wir auch unsere Überlebensgrundlage, die Erde, sichern. Während die Natur und der menschliche Organismus nach notwendigen Gesetzen funktionieren und sich in einer nomologischen Realität befinden, ist die Ökonomie eine von Menschen konstituierte, kontingente Möglichkeit, die Gesellschaft, ihre Waren und Dienstleistungen zu organisieren und strukturieren. Wieso verfallen wir also dem Irrglauben, wir müssten uns der Wirtschaft anpassen? Wieso vermeinen wir überzeugt davon zu sein, das wir nur mit Öl überleben könnten und die Abholzung des Regenwalds nun mal wirtschaftlichen Profit bringt und man dagegen gar nichts machen kann? Wir ordnen uns unseren eigens aufgestellten Gesetzen unter, werden also Unterwürdige unserer eigenen Erschaffungen. Jedoch erkennen mittlerweile immer mehr Menschen, dass sie nicht Teil dieses Systems sein müssen, dass sie als vernunftbegabte, autonom handelnde Menschen neue Systeme aufbauen können, mit dem Ziel die Würde des Menschen und seiner zum Überleben notwendigen Grundlage, der Natur, aufrechtzuerhalten.

 

Die Sozialdemokraten haben, irgendwo zwischen der Jahrtausendwende und der Finanzkrise, verpasst, auf den Zug der Möglichkeiten aufzuspringen und rangen nun erschöpft nach diesen. Es gibt aber noch mehr Züge, es gibt noch mehr Möglichkeiten. Diese alternativen, neuen Möglichkeiten können die Sozialdemokraten aufnehmen. Es geht darum, den Menschen und seine Lebensgrundlage in den Mittelpunkt zu stellen und sich den Problemen der Menschen anzunehmen. Um Authentizität und Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen, bedarf es zu Beginn aber auch des Eingestehens etwas falsch gemacht und verpasst zu haben. Erst wenn offen ausgesprochen wird, dass die Fehler auch tatsächlich als Fehler erkannt und eingestanden wurden, werden die Sozialdemokraten sich gemeinsam mit den Menschen in einen Wandel begeben können, um gesellschaftliche Sicherheit bieten zu können. Probleme und Anliegen ändern sich mit der Zeit, um also Sicherheit zu bewahren, dürfen wir als Individuen nicht verharren, sondern uns ständig den Umständen anpassen und offen sein für neue Möglichkeiten, um neue Hürden erfolgreich zu bewältigen. Kontinuierliche Änderungen und Alternativen sind die eigentliche Sicherheit. Für einen Wandel brauchen wir nicht notwendig die großen Heldenfiguren der Geschichte, einzelne Männer und Frauen, die für ihr Land kämpfen, sondern jeden einzelnen, der seinen Teil zur Veränderung beiträgt. Wir müssen auf keinen Zug warten, wir können schon jetzt beginnen etwas zu ändern, um anders zu leben; tomorrow.

[1] Siehe https://www.ecogood.org

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The Natality of the Spirit

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I admit, I wasn’t always an easy child, but just like so many children were stubborn, I used to be stubborn as well, I didn’t want to listen and was convinced that my opinion and decisions were the only right ones. My parents became desperate, like so many parents did, and gave up convincing me to go hiking or eat less (I loved eating), to study French or teach me math. However, they continued to consequently live their convincement and showed me that things were possible even though they weren’t for me right now.

My father took me to the craziest events and workshops where I used to be the youngest by far. The people there thought this was great, yet I couldn’t see why this should be so great… after all I did not do anything besides being there and it was more due to my dad than to me. Even though I have become less stubborn and started listening more to my parents, I still often did not understand why and what my parents adventured with me. It was especially my dad who managed to visit the strangest shows and do the most nerve-racking adventures with me. We visited exhibitions (I might not have understood the art objects but at least it looked nice), participated at acting-workshops where we had to play the last minute of our life and naked men took mud baths in the middle of the woods. I was rock climbing for the first time of my life… with a level of difficulty C and a partly overhanging rock wall. We went to art performances where Buddhist monks made weird noises, while in others they made neither a sound nor a movement. With fifteen I did zazen and paddled on the Danube in Serbia for a week where I became faecal contamination. My father practiced fractions with me, whereas I never understood what he wanted from me until I eventually simply memorized the answers.

It was definitely not always easy, often I shed a lot of tears and I was convinced that I was the poorest girl with the strictest father in the whole world. But sometimes we have to be forced to do what’s good for us and I am very thankful that my dad did force me. It was by no means an easy path, neither for me nor for my dad, but we both continued walking on this path. What I haven’t seen while all these adventures, was, that my mind and spirit grew, it was the “Natality” of the spirit. What first didn’t exist in my perceived world, I suddenly had experienced. Where I first thought to be confronted with my limits, I had gone beyond my own boarders. I have learned to think abstractly and be open for things that I cannot see yet at this moment.

Now I study philosophy full of joy and I am certainly grateful to my dad for pushing me through this stony path rather than just sitting on a stone thinking.

Die Natalität des Geistes

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Zugegeben, ich war nicht immer ein einfaches Kind, aber wie so viele Kinder auch stur sein konnten, war auch ich stur (wirklich sehr stur), wollte nicht zuhören und war überzeugt, dass meine Ansichten und meine Entscheidungen die einzig richtigen waren. Meine Eltern verzweifelten, wie so viele Eltern, teilweise bei mir und gaben es auf, mich zum Wandern zu überreden, weniger zu essen (ich aß unheimlich gerne), französisch zu lernen oder mir Mathematik beizubringen. Doch sie lebten ihre Überzeugungen konsequent und zeigten mir, dass es machbar war, auch wenn es in meiner Welt gerade nicht so war.

Mein Vater schleppte mich gerne zu den kuriosesten Veranstaltungen und Workshops, bei denen ich mit Abstand die Jüngste war. Die Leute dort fanden das toll, ich wusste nicht, was daran so toll sein sollte… immerhin hatte ich nichts getan, außer dort zu sein und das war eher meinem Vater zu verdanken als mir. Obwohl ich mit der Zeit weniger stur wurde und vermehrt auf meine Eltern hörte, verstand ich oft nicht, wieso und was sie mit mir unternahmen. Vor allem mein Vater schaffte es, mit mir die seltsamsten Vorstellungen zu besuchen und die nervenaufreibendsten Unternehmungen zu machen. Wir gingen in Ausstellungen (da verstand ich vielleicht nicht die Kunst, aber es war zumindest schön anzusehen), besuchten Schauspiel-Workshops in denen wir unsere letzte Minute unseres Lebens spielen sollten und nackte Männer im Wald Schlammbäder nahmen. Ich kletterte zum ersten Mal in meinem Leben… mit Schwierigkeitsgrad C und teilweise überhängender Felswand. Wir gingen zu Kunstperformances bei denen buddhistische Mönche schräge Klänge von sich gaben, während wie bei anderen Performances weder einen Laut, noch eine Bewegung von sich gaben. Ich war mit fünfzehn Jahren Zazen-Sitzen und paddelte eine Woche lang in Serbien auf der Donau, wobei ich mir eine Fäkalien-Verunreinigung holte. Mein Vater übte mit mir Bruchrechnen, wobei ich nie ganz verstand, was er eigentlich von mir wollte bis ich die Antworten irgendwann auswendig konnte.

Einfach war es bestimmt nie, oft sind Tränen geflossen und ich war davon überzeugt, das ärmste Kind mit dem strengsten Vater der Welt zu sein. Doch manchmal müssen wir zu unserem Glück gezwungen werden und ich bin meinem Vater sehr dankbar, dass er dies tat. Es war mit Sicherheit kein leichter Weg, weder für mich, noch für ihn, aber wir beide begingen ihn. Was ich während all den Unternehmungen noch nicht erkannte, war das Erwachsen und Wachsen meines Geistes, die Natalität des Geistes. Was zuvor bei Weitem nicht Teil meiner Welt war, hatte ich plötzlich erlebt. Wo ich dachte an meine Grenzen gekommen zu sein, übertrat ich diese. Ich lernte abstrakt zu denken und die offen zu sein Dinge zu erkennen, die ich im Moment noch nicht erkannte.

Jetzt studiere ich voller Freude Philosophie und ich bin meinem Vater sehr dankbar dafür, dass er mich über diesen steinigen Weg geschleppt hat, anstatt nur auf einem Stein sitzend zu denken.

Home and Unfamiliarity

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Home is where your heart is is a versatile used English phrase, more and more frequently used by younger people. In 2009 Moritz Hippich, for example, started the German fashion label Home is where your heart is. In the same year the Swedish Indie-Band The Sounds launched their song Home is where your heart is. In the Internet you can find a huge variety on essays and blogs about this slogan, which expresses, even though shortened, what “home” for people means. Home does not necessarily signify a place, an employment or a house, so it is neither site-specifically nor a material thing. Rather is home something that you feel as home and with which you can identify. Like the phrase already expresses, it is the heart, which has to be put in the focus of the topic. It is the heart, which symbolizes our inner emotions and feelings, which beats faster when we are excited, which is strained when we get nervous and which is warm when we love.

But what does “home” mean now? If home was everything where my heart beats faster, then the gym or a possible future employer I have an interview at has to be called my home as well. This is not the case though. Home is significantly more diverse and complex than just the idea of an apartment or a house to which I “go home” after a workday. When I think of home, on the one side I have in mind my extended family in Austria, including my grandparents, aunts, uncles and cousins. But why is this so? I might see them two to three times a year, they live on the countryside, I live in the city and overall; they have a completely different lifestyle than I do. Why are they still home to me? Why do I feel home? It is not the country or the way of living that makes me feel home. Rather it is the interpersonal occurrences that aroused over the years that make me feel home. There is history, in respect of culture as well as family history that connects us. Moreover, the surrounding is familiar to me, I know their daily life, I know how they think and I understand them. This knowledge about them, about their habitus and the environment in general gives me a physical as also mentally feeling of security. Not only do I get security due to a familiar surrounding, I also trust them on a very personal level. They have always welcomed me with open arms, with a big smile and sparkling eyes. They always took care of me, gave me attention and recognition, something to eat and a cosy place to sleep. So banal this might sound, so essential it is for a strong feeling of trust. When I trust someone, I open up a space in which I have the expectation that this person or these persons act in a way we all are okay with. If I have this sense of trust, it also includes security; I have a solid ground under my feet. Even though they live on the countryside and I live in the city and we have relatively different life plans and views of life, yet we share same values. We show consideration for one another, we always welcome and appreciate the other person, no matter how their personal lifestyle might be. Through education I have partly gotten the values, which inter alia strengthened the attachment between us as a family. Summarized, home includes feelings of familiarity or intimacy and trust, of attachment, sharing of values, feeling in good hands and a common past, history and tradition. When I talk about my extended family and this part of home, I always shorten it and just speak of my grandma. I then say “I’m visiting my grandma.” or “I’m at my grandma’s place.”, whereas she is representing the entire extended family. For me she has a quite important meaning; she stands for secureness and care, recognition and love.

So I feel home at my extended family. However, with sixteen I got another home; in Michigan, USA. For one school semester I (as an only child) lived with a family having four children. It took me not even a month to feel that this is another home to me, incommensurable to my family in Austria. Often I have describes it as two different worlds. After few months I emailed my Mom that for the first time I have experienced sibling love. Even though we do not share the same history and have different nationalities, there is still this strong feeling of deep connectedness.

Through this family’s being they opened up a space for me to be the way I want to be and at the same time they reacted to my being. This reciprocal reaction can also be described as resonance; the American family and I were in a resonance space in which we responded to one another, not because the circumstances required it but because of our characters. To be truly oneself and be able to act this way involves a feeling of security. When people show their inner being, they make themselves vulnerable at the same time because they do not know about the acceptance and recognition of their personality. The feeling to be secure in one’s environment entails – speaking with Heidegger – to be his/her own being as such[1].

Moreover, to live out ones being and personality involves something restful, loosening and liberating. I am free as a person when I can live up my principles that I consider to be right and valuable. Yet, these principles are modifiable and can change during life. Probably most people are quite glad about the fact that their attitude towards life has changes since adolescence. Furthermore we also change personal ideals, our attitude to certain situations, persons and behaviours. Since we all change in our being somehow during life, also the people with whom we can live out our very own being and so where we can find a feeling of home in general might change as well. Most of the time, there are only few people who are with us a life long and give us the feeling of being home. Often are parents, siblings or the life partner one of them, but there are also “friends for life” who give us the space in which we feel secure and home. No matter how much these friends might change, between some people this specific resonance lasts continuously, a mutual understanding and trust stays present. We have the trust, that the other person will always accept and love us, no matter how much we might change in life. We share a great and solid resonance space with people who accompany us through life and who can give us the feeling of being home. We share a space of understanding and being understood, of trustiness and therefore secureness, it’s the space of being home. The definition of home consists of a plurality of people’s emotions, combined with their past, history, tradition, rituals and values. As I have already shown, a shared background is not necessary but rather sufficient to be able to experience home. There are no determined frameworks needed because home is a quite complex term, which refers superficial and mainly to feelings that can partly be caused by history and rituals. Moreover, home means to have been arrived, to jauntily realize ones inner personality, to experience physical as mental security and to give and also receive love and trust.

The German word “Geborgenheit” defies translation, yet it is quite important in relation to home and therefore necessary to be outlined. The term Geborgenheit probably fits best to the feeling of home and includes all emotions describing home that have been mentioned here so far. The German Newspaper Süddeutsche characterizes Geborgenheit with descriptions like “security”, “protection”, “warmth”, “trust”, “acceptance” and “love”. Looking at the term’s etymology, it can be derived from the German word “bergen” (retrieve), which, amongst others, originally means “get to safety”. The prefix “ge-“ in combination with a verb expresses a momentarily event that often marks the beginning or the end of it. So home is the moment of having arrived after one was in search before that moment. Therefore, the event would be the feeling of having arrived as the end of the search. Children, who grew up in an unstable environment and never experienced this feeling of Geborgenheit, will always be looking for the feeling of having arrived. Figuratively speaking the parent’s role can be compared with a harbour and a ship. The harbour provides security and safety and is a place to which the ship eventually arrives. The ship, in turn, guides the child outside the harbour and shows the world so that it can see how the world looks somewhere else, maybe better, maybe worse and therefore the child can see what to change back home and what to value. Thus, the harbour, on the one side, offers a home to which we can always come back and arrive at. The ship, on the other side, carries us away from home, going out into the unknown. The instanced emblem shows how unfamiliarity (driving out ship) has to be seen as the necessary counterpart to home (harbour). The ship would be lost without its harbour, just like people feel lost when experiencing crises. The harbour would not have any meaning if there were no ship to give shelter. Therefore, the unknown is nothing exclusively threatening and negative. Generally speaking, to experience something foreign means to experience unknowingness, unfamiliarity, something new and different. That can be a foreign culture, foreign people, a new situation or an unfamiliar environment, implying unknown ideologies and life plans which we did not know before. All these opportunities are possible to experience, in a positive way in which they enrich us as also in a negative respect that they restrict and harm.

Otherness in a negative approach, simply spoken, is the complete opposite of home. It means unfamiliarity, to not be understood and to not understand. If I find myself in a completely new situation where I do not find any grip and am totally disoriented, in which I have neither a relation to people nor my environment; then I feel foreign. In this situation I do not understand why and which things happen, what kinds of actions were carried out and why so and therefore I have no idea what is and will be happening overall. Disorientation and instability as also unpredictability and arbitrariness are terms that describe the feeling of otherness and unknowingness. If I cannot control a situation or assess people to some extent, the situation or the person seems strange and alien to me. If this experience of unfamiliarity becomes extreme, it turns into something threatening and the foreigner becomes an enemy.

Humans originally reject foreign entities or do not recognize them. This is a natural reaction, which can already be seen in biology. The body rejects foreign bodies in various ways in order to protect itself. The eyes are flinching or the entire body winces when being tickled or scared. So when something is foreign to us, we instinctively decline it. In this way, that we do not understand the foreign, misunderstandings arise and thus people often end up in conflicts. Moreover, feelings of insecurity, a lack of understanding and non-recognition lead to not sufficiently developing trust and a feeling of crushing one’s identity occurs. To identify oneself means to define one and therewith to distinguish from others. I do not mean an “either-or-decision” but a clear subscription of ones being. By every single decision a person makes, every action she takes and every kind of being herself, she already define herself. Yet, if she does not get the chance to fully and unrestrictedly develop an identity, due to an invasion of the foreign, she is even harder trying to define and differentiate herself from everything that is foreign and alien. Borders or limits evoke a feeling of security and definition (lat. finis, boundary, limit, border), but every kind of imbalance and extremes eventually leads to an extreme on the other side as well. So if the fact of the foreign, accompanied with all the feelings described so far, is exceedingly present, also the delimitation to it becomes even greater. Due to a fear of losing ones frame completely, it gets strengthened even more vehemently. When we face threat to identity and security, the experience of the foreign can have a negative impact quite likely. I consider that a negative impact arises especially when the frame was not solid from the beginning, the ground was too soft to proceed with firm steps or when not being able to remain steadfastly while facing challenges. Therefore, to have experienced a sufficient feeling of home helps to superiorly get by unknown, foreign situations.

Let’s return to the picture of the ship and the harbour. To leave the harbour and face unknown situations means to start an adventure that implies a broadening of the horizon as also risks. Since foreign situations are always something unknown, we never know what to expect. To set off on an adventure also means to set off old perspectives and habits in order to face new things. To broaden one’s horizon means to get to know diversity, different aspects, life plans, rituals or histories. Thereby, one is questioning ones own values and ideals, maybe changing some but also strengthen them. The frame that got built through the feeling of home gets widened as also strengthened. Possibly I can orientate myself differently within the frame, yet I will not completely reject it. In order to draw the lines of my frame and define it, I have to know against what I draw them, what is going too far for me and where there might still be room to walk further. The ground I walk on has to be solid so I can land well when I stumble against foreign stones and climb over them.

 

The matter of unfamiliarity and home presuppose each other. Home offers protection and security and strengths us in our individual and personal being. At the same time we need unfamiliarity to question and develop our own horizon, that is the way we perceive and understand life.

Home and the unfamiliarity are two contrastive terms; I cannot understand one term without understanding the other. The two terms take up the position of creating a meaning by building contrasts and differences. If I never leave the feeling of home, I will not understand and comprehend what trust, security or safety and acceptance really means. I would only know that these terms theoretically exist.

To get a better understanding of known and familiar things, the experience of the opposite, so of unfamiliar, new and unknown things is necessary. Only by difference and some distance we get a feeling and understanding for certain terms. So there is not only understanding and not understanding but also misunderstanding. It is not just about the exact opposite but also about the certain difference of notions that draw a meaning even clearer. For instance, I know that my mom loves me but once I have experienced what it means to not being able to receive my mother’s love I will understand what the meaning of it really is. I also know that my siblings and friends accept me the way I am but once I have undergone that some parts of my personality did not get accepted or even rejected I understand the various levels, the delicate nuances and different meanings of acceptance and all the other terms.

Being in search of and the feeling of having arrived repeat alternately. But first we have to build a frame or a solid ground on which we can walk on. Parents, for example, are a source of Geborgenheit, a feeling of having arrived. However, also a safe surrounding and other people can give children the feeling of Geborgenheit. Once we have built our own frame and experienced home we can start over again with the search of an adventure. Thereby we expand the frame, we question it and reposition ourselves in it. How often we are in search in course of our life varies from person to person, also we might get lost or stumble and we arrive and leave again. This on-going process is necessary to us because we can then question the values and views that were given to us by education, on which we haven’t had any influence.

Home and unfamiliarity are also mutually dependent in terms of tension and easing of tension. Wherever we are at home, we do not have a role nor fulfil any expectations, but offers a place of retreat and relaxation, a place for inner calm. Even though I write about a place here, I do not certainly mean a physical place but the circumstances that allow the feeling of having arrived, a feeling of home. Continuous relaxation eventually leads to flaccidity, which is the other extreme. To counteract and keep experiencing the actual meaning of relaxation it needs some tension, being in search of, starting an adventure. In doing so, it can even happen that one finds home in former unfamiliarity.

The frame gets widened and whatever has just been unknown and foreign is now part of one’s home. Just like I have started an adventure with sixteen, I left my familiar and trusted surrounding and abroad, in a foreign country with another language and different people I have found the feeling of home. To walk along an adventure and take a risk does not mean to risk but to deliberately face and deal with a challenge. In which way a person deals with a challenge depends on the person itself as also other people and circumstances. Since unfamiliarity also always means unknowingness I also did not know what my adventure holds ready and it was certainly not only my decision that this family would be my new home. Rather there were different factors, circumstances and individual persons that played an important role. We all together built a space of resonance in which the feeling of home unfolded.

Eventually it is necessary that a person keeps ones balance between home and unfamiliarity. If we experience too little of unfamiliarity and stay in our known surrounding, it will be impossible to have a balanced relation to ones own identity, to the feeling of home but also to the feeling of foreign situations. If a person is in search once in a while, the fact of being in search won’t be foreign anymore. And do I face foreign things once in a while unfamiliarity itself won’t be foreign to me anymore. Contrarily we need the feeling of Geborgenheit, the protecting harbour to which we can always come back after an adventure. I can only deal with foreign situations if I have a strong and solid personality, however, never solidified in order to stay revisable. If I have never or barely experienced the feeling of home, I probably won’t be able to experience unfamiliarity since I am still in the “first state of being in search” to first leave the harbour.

When the feeling of unfamiliarity outweighs, so when everything is foreign und happens arbitrarily to me, then I cannot trust anything and a certain basic trust ceases. This basic trust includes solid knowledge about various things and a feeling of control over a situation one is in. Is this basic feeling gone, as I said before, I flee or lose myself looking for control over everything that is somehow familiar to me and I am not open for anything different, new and unknown.

[1] http://plato.stanford.edu/entries/heidegger/#Que

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Heimat und Fremde

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Home is where your heart is ist eine vielseitig verwendete englische Phrase, die vor allem bei jungen Menschen immer häufiger verwendet wird. So hat beispielsweise Moritz Hippich 2009 das deutsche Modelabel Home is where your heart is gegründet. Im gleichen Jahr veröffentlichte die schwedische Indie-Band The Sounds ihren Song Home is where your heart is. Im Netz findet man unzählige Essays und Blogs über den Spruch, der ausdrückt, wenn auch sehr verkürzt, was zunehmend „zuhause“ für Menschen bedeutet. Heimat bedeutet nicht notwendigerweise ein Ort, eine Arbeitsstelle oder ein Haus, sprich keine ortspezifischen oder materiellen Dinge. Vielmehr ist Heimat etwas, an dem man sich zuhause fühlt und sich identifizieren kann. Wie schon die Phrase ausdrückt, ist es das Herz, welches in den Mittelpunkt der Thematik gestellt werden muss. Es ist das Herz, welches unsere inneren Gefühle und Emotionen verkörpert, das schneller schlägt, wenn wir aufgeregt sind, das spannt, wenn wir nervös sind und warm wird, wenn wir lieben.

Aber was genau ist jetzt Heimat? Wenn Heimat alles wäre, wo mein Herz schneller schlägt, dann wäre auch das Fitnessstudio und jeder potenzielle Arbeitgeber eines Bewerbungsgespräches meine Heimat. Dem ist aber nicht so. Ein Zuhause ist wesentlich vielfältiger und komplexer als die Idee der Wohnung oder des Hauses, an dem man am Ende seines Arbeitsalltages „nachhause“ kommt. Wenn ich an Heimat denke, denke ich auf der einen Seite an meine erweiterte Familie in Österreich, die meine Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen beinhaltet. Warum eigentlich? Ich sehe sie zwei-, dreimal im Jahr, sie am Land, ich in der Stadt lebend. Wieso ist es trotzdem Heimat für mich? Wieso fühle ich mich zuhause? Es ist nicht das Land, auf dem ich mich zuhause fühle und auch nicht die Art und Weise, wie sie leben. Vielmehr sind es die zwischenmenschlichen Ereignisse, die über die Jahre entstanden sind. Uns verbindet eine Geschichte, einerseits kulturell, andererseits in familiärer Hinsicht. Darüber hinaus fühle ich mich in ihrer Umgebung vertraut, ich kenne ihren Alltag, ich weiß, wie sie denken, ich verstehe sie. Dieses Wissen über sie, ihren Habitus und die Umgebung im Allgemeinen verleiht physische wie psychische Sicherheit. Sicherheit bekomme ich nicht nur durch eine vertraute Umgebung, ich vertraue ihnen auch auf persönlicher Ebene. Sie haben mich immer mit offenen Armen, einem breiten, ehrlichen Lächeln und funkelnden Augen empfangen, sie haben auf mich aufgepasst, mir Aufmerksamkeit und Anerkennung geschenkt, mir zu Essen gegeben und einen sicheren Platz zu schlafen. So banal dies klingen mag, so essenziell ist es für das Gefühl von Vertrauen. Wenn ich Personen mein Vertrauen schenke, eröffne ich ihnen einen Raum, in dem ich von ihnen erwarte, dass sie so handeln, wie es sowohl für sie als auch mich in Ordnung ist. Habe ich dieses Gefühl von Vertrauen, beinhaltet es auch Sicherheit; ich habe einen sicheren Boden unter den Füßen. Auch wenn sie am Land leben und ich in der Stadt und wir relativ unterschiedliche Lebensentwürfe und –ansichten haben, teilen wir dennoch gleiche Werte. Wir nehmen aufeinander Rücksicht, wir sind einander immer willkommen und wertschätzen die andere Person, unabhängig davon wie sie zu leben vermag. Durch Erziehung wurden mir diese Werte mitgegeben, was unter anderem zu einer Verbundenheit zwischen uns als Familie geführt hat. Zusammengefasst sind es Gefühle der Vertrautheit und des Vertrauens, der gleichen Vergangenheit und Geschichte, der Verbundenheit zueinander, das Teilen von Werten, ein aufgehoben und geborgen sein. Wenn ich von diesem Teil meiner Heimat spreche, dann rede ich immer von meiner Oma. Ich sage dann „Ich fahre zu meiner Oma“ oder „bei meiner Oma“, wobei sie dabei die gesamte Familie repräsentiert. Sie trägt in meiner Vorstellung also eine wichtige Bedeutung; die des Schutzes und Fürsorge, der Geborgenheit, Anerkennung und Liebe zu mir.

Ich fühle mich also auf der einen Seite bei meiner erweiterten Familie sehr zuhause, sie gibt mir ein Gefühl von Heimat. Auf der anderen Seite habe ich mit sechzehn ein zweites Zuhause gefunden; in Michigan, USA. Ein Schulsemester lang habe ich als Einzelkind bei einer Familie mit vier Kindern gelebt und nur wenige Wochen haben gereicht um zu fühlen, dass dies nun ein weiteres Zuhause von mir ist, welches inkommensurabel zu meiner Familie in Österreich ist, oft habe ich es als eine andere Welt beschrieben. In der Adventzeit habe ich meiner Mutter in einer Email geschrieben, dass ich zum ersten Mal Geschwisterliebe erfahren habe. Obwohl wir weder eine gemeinsame Geschichte oder Herkunft haben, gab es trotzdem das starke Gefühl von tiefer Verbundenheit.

Die Familie gab mir durch ihr Wesen den Raum, so sein zu können wie ich möchte und hat gleichzeitig wieder darauf reagiert. Diese wechselseitige Reaktion kann auch mit Resonanz beschrieben werden; die amerikanische Familie und ich befanden uns also in einem Resonanzraum, in welchem wir aufeinander reagierten und zwar nicht, weil die Umstände es so von uns verlangten, sondern weil wir von unserem Wesen her so waren. Man selbst sein zu können führt das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit mit sich. Wenn Menschen ihr innerstes und eigenstes Wesen zeigen, machen sie sich damit gleichzeitig verletzlich. Die Ungewissheit der Anerkennung und Akzeptanz steht im Raum. Das Gefühl sicher und geborgen in seiner Umgebung zu sein hat also zur Folge – mit Heidegger gesprochen – sein eigenstes Sein sein zu können.

Darüber hinaus hat das eben erwähnte Ausleben der eigenen Persönlichkeit etwas Entspannendes, Lockerndes und Befreiendes. Ich bin frei als Person, wenn ich nach den Prinzipien und Gefühlen leben kann, die ich für richtig und wertvoll empfinde. Die Vorstellungen darüber, was es bedeutet ident mit sich selbst zu sein und demnach leben zu können, sind jedoch veränderbar. Die meisten Menschen werden froh darüber sein, ihre Lebenseinstellung zur Zeit der Adoleszenz mittlerweile modifiziert zu haben. Aber auch darüber hinaus verändern wir persönliche Ideale, Einstellungen zu Situationen, Personen oder unserem Verhalten. Da sich also jeder Mensch in seinem Wesen ändert, können sich auch die einzelnen Menschen ändern, bei denen wir sein können wie wir sind, bei denen wir also Sicherheit, Geborgenheit und damit ein Gefühl von Heimat finden. Es sind meist, wenn überhaupt, nur sehr wenige Menschen, die einen trotz vieler Veränderungen ein Leben lang begleiten und ein Gefühl von Heimat geben. Oft sind es die Eltern, Geschwister oder Lebenspartner, doch auch „Freunde fürs Leben“ geben einem einen Raum von Sicherheit und Geborgenheit. Egal wie sehr sich die einzelnen Personen verändern, die gewisse Resonanz zwischen den Menschen, ein gegenseitiges Verstehen und Vertrauen bleibt vorhanden. Wir haben das Vertrauen, dass wir von der anderen Person immer angenommen und geliebt werden, unabhängig davon wie sehr wir uns nun verändern sollten. Mit Menschen, die uns ein Leben lang begleiten und das Gefühl von zuhause übermitteln können, teilen wir einen großen und festen Raum der Resonanz, des Verstehens und Verstandenwerdens, des Vertrauens und damit des Gefühls von Sicherheit; es ist der Raum des Zuhauseseins.

Heimat definiert sich also durch eine Vielzahl an Gefühlen, ausgehend von Personen, meist verbunden mit unserer Vergangenheit und Geschichte, dem Teilen von Traditionen, Ritualen und Werten. Wie ich aber auch zeigen konnte, ist eine gemeinsame Herkunft oder Geschichte nicht notwendig, sondern lediglich hinreichend um Heimat erfahren zu müssen. Heimat bedarf keiner festgesetzten Rahmenbedingungen, vielmehr ist es ein vielschichtiger Begriff, der sich vordergründig und hauptsächlich auf Gefühle bezieht, die teilweise durch Geschichte oder Rituale hervorgerufen und erzeugt werden können. Aber Heimat bedeutet darüber hinaus das Gefühl angekommen zu sein, seine innerste Persönlichkeit unbeschwert und frei ausleben zu können, physische wie psychische Sicherheit zu erfahren, sowie Liebe und Vertrauen zu schenken als auch zu bekommen.

Der Begriff “Geborgenheit” passt wohl am besten zu dem Gefühl von Heimat und beinhaltet eigentlich all die anderen Gefühle, mit denen ich bisher versucht habe Heimat zu beschreiben. Die Süddeutsche beschrieb in einem Artikel über Geborgenheit diesen mit Begriffen wie „Sicherheit“, „Schutz“, „Wärme“, „Vertrauen“, „Akzeptanz“ und „Liebe“. Etymologisch lässt sich Geborgenheit von „bergen“ ableiten, was unter anderem „in Sicherheit bringen“ bedeutet. Das Präfix „ge-“ kann schließlich zusammen mit einem Verb ein momentanes Geschehen ausdrücken, das oftmals einen Beginn oder Abschluss eines Vorgangs markiert. Nun ist Zuhause ein Ort, an dem man angekommen ist, während man zuvor auf der Suche war. Das Geschehen wäre demnach das des Angekommenseins als Ende des Suchvorgangs. Kinder, die in einer unstabilen Umgebung aufgewachsen sind und nie das Gefühl von Geborgenheit erfahren konnten, werden immer auf der Suche sein, das Gefühl des Angekommenseins zu finden. Bildlich gesprochen kann die Rolle der Eltern mit einem Hafen und einem Schiff verglichen werden. Der Hafen bietet Sicherheit und Schutz und ist der Ort, an dem jedes Schiff letztlich ankommt. Das Schiff wiederum bringt das Kind hinaus und zeigt ihm die Welt, um zu sehen, wie es anderswo aussieht, wie es vielleicht anders besser geht oder was bei sich auch gut und zu schätzen ist.

Der Hafen bietet demnach das Zuhause, zu dem wir immer zurück- und ankommen. Das Schiff hingegen trägt uns weg von diesem Zuhause, hinaus in die Fremde. Das angeführte Sinnbild zeigt die Fremde (hinausfahrendes Schiff) als notwendiges Gegenstück zur Heimat (Hafen). Die Schiffe wären ohne einen Hafen verloren, so wie sich Menschen in persönlichen Krisen ebenso „verloren fühlen in dieser Welt“. Der Hafen auf der anderen Seite hätte überhaupt keine Bedeutung, wären da nicht die Schiffe, die ihm eine Aufgabe zuteilen. Das Fremde ist demnach nicht ausschließlich etwas Bedrohliches und von Grund auf Negatives. Allgemein gesprochen bedeutet Fremde Unwissenheit, es ist etwas Unbekanntes, Neues und Anderes. Das Fremde können fremde Kulturen, fremde Menschen, fremde Situationen oder fremde Umgebungen sein. Sie beinhalten zum Beispiel unbekannte Ideologien und Lebensentwürfe, von denen wir nichts wussten. All diese Möglichkeiten stehen uns offen zu erfahren, sowohl in positiver Hinsicht als dass sie uns bereichern, aber auch auf negative Weise, als dass sie uns hindern, einschränken oder schaden.

Fremde im Negativen ist, einfach gesprochen, das absolute Gegenteil von Heimat. Fremde bedeutet Unvertrautheit, nicht verstanden zu werden und selbst nicht zu verstehen. Befinde ich mich in einer komplett neuen Situation, in der ich keinen Halt finde und mich absolut nicht orientieren kann, in welcher ich weder Bezug zu Menschen noch zu meiner Umgebung habe, dann fühle ich mich fremd. Ich verstehe nicht, wieso welche Dinge passieren, wieso welche Handlungen vollzogen werden und was demnach als nächstes folgt. Orientierungslosigkeit und Haltlosigkeit sind also Begriffe, die das Gefühl von Fremde beschreiben. Damit zusammenhängend bringen auch Unberechenbarkeit und Willkür das Gefühl von Fremde hervor. Kann ich eine Situation nicht mehr kontrollieren oder einzelne Menschen bis zu einem bestimmten Maß einschätzen, wirkt die Situation oder die Person fremd. Geht das Fremde in die Extreme, wird das Fremde zum Bedrohlichen und der Fremde zum Feind. Das Fremde wird von den Menschen meist abgelehnt oder sie erkennen es nicht an. Diese Reaktion ist eigentlich ein natürlicher Mechanismus. Der Körper stößt Fremdkörper auf unterschiedlichste Weise ab. Wir wehren uns gegen Fremdkörper mit Schutzreflexen wie Zusammenzucken der Augen oder des gesamten Körpers, wenn wir gekitzelt werden. Ist uns also etwas fremd und nicht gewohnt, lehnen wir es instinktiv ab. Dadurch, dass wir das Fremde nicht verstehen, ergeben sich Missverständnisse, was in weiterer Folge bei Menschen oftmals zu Konflikten führt. Gefühle der Unsicherheit, des Unverständnisses und der Nicht-Anerkennung führen auch dazu, dass wir kein Vertrauen entwickeln können und ein Gefühl der Erdrückung der eigenen Identität aufkommt. Sich zu identifizieren bedeutet, sich zu definieren und damit einhergehend sich anderem gegenüber abzugrenzen. Ich meine keine Entweder-oder Entscheidung, sondern eine klare Zeichnung seines Wesens. Durch jede Entscheidung, die wir tätigen, jede Handlung, die wir ausführen und jede Art, in der wir uns geben, formen und definieren wir uns auch schon. Bekommen wir durch die Invasion des Fremden jedoch nicht die Möglichkeit uns frei formen und definieren zu können, versuchen wir uns umso stärker und sichtbarer von anderem, also besonders von dem Fremden, abzugrenzen. Grenzen erzeugen das Gefühl der Sicherheit und der Definition (lat. finis, Grenze), doch jede Art des Ungleichgewichts und des Extrems führt in jedem anderen Bereich auch zu einer Extreme. Ist also das Fremde, begleitet von all den zuvor beschriebenen Gefühlen, besonders präsent, wird auch die Abgrenzung zu diesem stärker. Aus Angst seinen Rahmen komplett zu verlieren, wird dieser umso vehementer gestärkt. Das Fremde kann sich demnach negativ auswirken, wenn wir eine Bedrohung unserer Identität und Sicherheit verspüren. Ich bin der Ansicht, dass das Fremde den negativen Charakter vor allem dann erhält, wenn der Rahmen von Anbeginn nicht stabil war oder der Boden unter den Füßen zu weich und nicht festen Schrittes weitergegangen werden kann, beziehungsweise Herausforderungen nicht standhaft geblieben werden können. Ein ausreichendes Gefühl von Heimat erfahren zu haben hilft demnach, mit unbekannten, fremden Situationen besser klarkommen zu können.

Kommen wir zurück zum Schiff und dem Hafen. Verlassen wir den Hafen und widmen uns dem Fremden, begeben wir uns auf ein Abenteuer das neben einer Horizonterweiterung immer auch Risiken mit sich bringt. Da das Fremde immer Unbekanntes ist, wissen wir nicht, was uns erwartet. In die Fremde beziehungsweise in ein Abenteuer aufzubrechen bedeutet auch alte Ansichten und Gewohnheiten aufzubrechen, um Neues hineinlassen zu können. Den Horizont zu erweitern bedeutet Vielfalt hineinzulassen, unterschiedliche Ansichten, Lebensentwürfe, Rituale und Geschichten kennenzulernen. Dabei werden die eigenen Werte und Ideale hinterfragt, verändert oder aber auch gefestigt. Der Rahmen, der durch meine Heimat gebildet wurde, wird in der Fremde sowohl ausgeweitet als auch weiter gefestigt. Womöglich orientiert man sich innerhalb des Rahmens neu, doch verwirft man ihn nie völlig. Um die Grenzen des eigenen Rahmens ziehen und definieren zu können, muss man wissen wogegen man sich abgrenzt, was einem „zu weit geht“ und wo vielleicht noch Raum ist um weiter zu gehen. Der Boden unter den Füßen muss fest sein, muss einen tragen können, wenn man über fremde Steine stolpert und Felsen erklimmt.

Fremde und Heimat bedingen sich also einander. Die Heimat bietet uns Schutz und Sicherheit, sie festigt uns in unserem individuellen und ganz persönlichen Dasein. Gleichzeitig bedarf es der Fremde um den eigenen Horizont, das heißt die Art und Weise, wie wir das Leben betrachten, hinterfragen und ausbauen zu können.

Heimat und Fremde sind wie kontrastive Begriffe; ich kann das eine ohne dem anderen nicht verstehen. Sie übernehmen die Funktion, durch Kontraste und Differenzen Bedeutungen herzustellen. Verlasse ich das Gefühl von Heimat nie, werde ich nicht verstehen, was beispielsweise Vertrauen, Sicherheit oder Akzeptanz wirklich bedeuten, ich weiß nur, dass es sie gibt. Um ein besseres Verständnis von Bekanntem und Gewohntem zu bekommen, bedarf es dem Erfahren vom Gegenteil, also dem Fremden, Neuen oder Unbekannten. Erst durch die Differenz, also dem Unterschied und dem jeweiligen Abstand, bekommen wir ein Gespür und ein Verständnis für die Begriffe. So gibt es nicht nur Verständnis und Unverständnis, sondern auch Missverständnis. Nicht nur Gegenteile, sondern eine gewisse Differenz zwischen Begrifflichkeiten zeichnen Bedeutungen noch klarer ab. Ich weiß zum Beispiel, dass meine Mutter mich liebt, aber erst wenn ich ihre Abwesenheit erfahre, verstehe ich wirklich, was ihre Liebe zu mir bedeutet. Oder ich weiß, dass meine Geschwister oder Freunde mich akzeptieren, aber erst wenn ich erfahre, dass manches von meiner Persönlichkeit oder meines Habitus akzeptiert und anderes nicht akzeptiert oder gar abgelehnt wird, erfahre ich die einzelnen Grade, die feinen Nuancen und Unterschiede von Akzeptanz und Anerkennung mit ihren jeweiligen Bedeutungen.

Auf der Suche zu sein und das Gefühl des Angekommenseins und der Geborgenheit wiederholen sich abwechselnd. Zu Beginn müssen wir erst mal unseren Rahmen bilden und einen festen Boden unter den Füßen erlangen. Eltern sind eine Quelle der Geborgenheit, aber es sind mehrere Faktoren, die dabei eine Rolle spielen können. Auch sichere Lebensumstände und andere Personen können das Gefühl von Geborgenheit vermitteln oder eben nicht. Haben wir einmal einen Rahmen gebildet und das Gefühl von Geborgenheit erfahren, machen wir uns immer wieder erneut auf die Suche. Wir beginnen den Rahmen zu erweitern, zu hinterfragen und uns anders zu positionieren. Im Laufe unseres Lebens begeben wir uns unterschiedlich oft und unterschiedlich intensiv auf die Suche, wir verlaufen uns oder stolpern, wir kommen an und brechen wieder auf. Der andauernde Prozess ist für uns auch deswegen notwendig, um Werte und Ansichten, die uns mitgegeben wurden und worauf wir demnach keinen Einfluss hatten, immer wieder zu hinterfragen.

Heimat und Fremde bedingen sich des Weiteren in Form der Spannung und Entspannung. Zuhause müssen wir keine Rollen spielen und keine Erwartungen erfüllen, es dient als Rückzugsort zur Erholung und Entspannung, ein Ort der inneren Ruhe. Auch wenn ich hier von einem Ort schreibe, so meine ich nicht zwangsläufig einen physischen Ort, sondern die Umstände, die das Gefühl von Heimat, von Angekommensein, übermitteln. Ständige Entspannung würde auf Dauer zu Schlaffheit führen, also wieder in ein Extrem. Um dem entgegenzuwirken und die eigentliche Bedeutung von Entspannung aufrecht zu erhalten, bedarf es auf der anderen Seite der Spannung; auf der Suche zu sein, in ein Abenteuer aufzubrechen. Dabei kann es passieren, dass gerade in der Fremde Heimat gefunden wird. Der Rahmen wird erweitert und was zuvor noch unbekannt und bezugslos war, ist nun Teil der Heimat. So wie ich mich mit sechzehn in ein Abenteuer begeben habe, meine gewohnte und vertraute Heimat verlassen habe und gerade in der Ferne, in einem fremden Land mit einer anderen Sprache und bei Leuten mit einer anderen Lebensweise ein Zuhause gefunden habe. Ein Abenteuer zu beschreiten und ein Risiko einzugehen bedeutet nicht, eine Gefahr einzugehen, sondern bewusst Herausforderungen entgegenzutreten und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Auf welche Art mit diesen Herausforderungen umgegangen wird und welche Erkenntnisse aus ihnen gezogen werden, bleibt abhängig von der jeweiligen Person beziehungsweise all den betroffenen Personen. Nachdem Fremde immer auch Unwissenheit bedeutet, konnte auch ich nicht wissen, was dieses Abenteuer für mich bereithalten würde und es war bestimmt nicht einzig meine bewusste Entscheidung, dass dies ein neues Zuhause für mich sein würde. Es waren vielmehr die unterschiedlichen Faktoren und Umstände, die zusammengespielt haben, die einzelnen Personen, mit denen gemeinsam der Resonanzraum entstanden ist und sich so das Gefühl der Heimat zwischen uns entfalten konnte.

Schließlich muss die Balance zwischen Heimat und Fremde im Gleichgewicht gehalten werden. Erfahren wir zu wenig Fremde und bleiben wir ausschließlich im gewohnten und vertrauten Umfeld, dann ist es unmöglich ein ausgeglichenes (!) Verhältnis zu seiner Identität, zu den Gefühlen von Zuhause und Heimat, aber auch eine Beziehung zum Fremden zu bekommen. Begebe ich mich immer wieder auf die Suche, ist mir die Suche an sich nicht mehr fremd. Begegne ich immer wieder Fremdem, ist mir die Begegnung mit dem Fremden an sich nicht mehr fremd. Umgekehrt bedarf es dem Gefühl der Geborgenheit, dem Gefühl des schützenden Hafens, zu dem man immer zurückkehren kann. Das Gefühl von Zuhause gibt Kraft um Herausforderungen bewältigen zu können. Ich kann Fremdes nur dann sicher angehen, wenn darüber hinaus meine eigene Persönlichkeit, meine Identität gestärkt und gefestigt ist, jedoch nie verfestigt, um revidierbar bleiben zu können. Wenn ich nie oder kaum das Gefühl von Heimat erfahren habe, bin ich womöglich auch nicht in der Lage das Fremde zu erfahren, da ich noch im „ersten Stadium des Suchens“ bin, um überhaupt einmal von einem Hafen wegfahren, mich von einem festen Boden abstoßen oder einen Rahmen bewegen zu können.

Überwiegt das Gefühl von Fremde, wird also alles unbekannt und geschieht willkürlich, kann nichts mehr vertraut werden und ein gewisses Urvertrauen fällt weg. Dieses Urvertrauen beinhaltet Wissen und Sicherheit über gewisse Dinge und ein Gefühl von Kontrolle über Situationen, in denen man sich befindet. Fällt dieses Urgefühl wie gesagt weg, flüchte oder verliere ich mich in einer Suche nach Kontrolle über alles, was mir vertraut ist und bin nicht mehr offen für Anderes, Neues und Unbekanntes.

 

Quellenverweise:

http://www.sueddeutsche.de/wissen/gemischte-gefuehle-geborgenheit-und-alles-ist-gut-1.984667

http://www.zeit.de/angebote/partnersuche/magazin/magazin_Sehnsucht_nach_Geborgenheit

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