Ideal: Identity

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I recently read an article in the German Newspaper “Die ZEIT”¹, which mentioned that nationalistic and authoritarian thinking belong together, because their common ideal is identity. How is identity to be understood here?

While understanding nationalistic thoughts as an intentional delimitation of one nation against others regarding all aspects of life, authoritarian thoughts are related to a system, in which retention of power is enforced. Therefore, no other opinions, neither public nor private are allowed. I will now try to outline how identity is their common ideal; however, this is what they are lacking of. In fact, they are driven by angst and the fear of being lost.

Nationalistic and authoritarian thinking define themselves through the fact that there is always an “us” and the “others”. “We” know what is truly right, the others only think to know better or even want to hinder “us”. In all nationalistic and authoritarian thinking differentiation from “others” plays an essential role, because without differentiation the “us” couldn’t be identified as well. The more differentiaton can be established from the rest of society, the more precicely the group can identify itself. That is, at least what those who think in a nationalistic and authoritarian way, believe in.

As Hannah Arendt explained; to do something in community entails a kind of power, which can be much more effective than the strength and force of single individuals. Populist and authoritarian groups are eager to increase their power. However, they are not focusing on qualitative characteristics as i.e. athletes are concerned with their sport or musicians with their music, but rather do they nourish themselves from arbitrary, contingent and barely definable characteristics. Doing so, they define themselves through a country, which boarders were drawn arbitrarily and which population is mixed through migration, so they all brought different traditions, origins and histories with them. Authoritarian and nationalistic thinking do not actually sustain themselves through convictions and ideologies that aim rational and reasonable goals but rather do they only nourish themselves through differentiation from “the other one”. Those groups in question consist due to their supporters and the imagined identity, which they provide each other, because that image of identity is all they have. What they do have, however, is the desperate attempt to get an identity while articulating their frustration, anger, rejection and non-recognition.

People with nationalistic and authoritarian thoughts do not see any opportunities to achieve a higher standard of living or to enable their children a better future. The most fundamental deficit they suffer from though is the one of opportunities to constitute their identity. Those people are driven by angst; angst of losing their current standard of living, angst of their future, angst to lose something (whatever this might be).

As the newspaper quotation mentioned above is pointing out quite well; people with nationalistic and authoritarian thoughts ideal is identity. Their pursued goal, overshadowed by alleged ideologies and theories, is plain identity. Those people know their own personality so little that they wander around in this world, feeling lost and looking for the substance of humanity; which is one’s own individual identity. Nationalistic and authoritarian thoughts can offer a rescue, a kind of anchor to hold on to. It is a way of thinking that provides identity by distancing oneself from the “others”, a way of thinking that gives life a meaning very easily and quickly and at the same time offers an answer to why someone is unsatisfied with their whole life in general. This disappointment with life can have various reasons and might arise from either individual or class-specific grounds. However, most times people are not even fully aware of those reasons, which is the source for them continuing their search for fulfilment. So the answer to the lack of opportunities offers to blame others, those who are not part of “us”, those who put “us” in that unsatisfying situation. If someone does not see possibilities anymore, a feeling of hopelessness arises which in turn causes frustration and weakness. In order to compensate the weakness and frustration, people get together and form a group in which they can feel powerful by maligning others.

The lack of personal identity entails a behaviour, which is looking for identity somewhere else and finds it in irrational but emotionally satisfying answers. A person that defines themselves fundamentally through their very own being does not need an ostracizing group, they do not need an “us” and “them” to identify himself, to define and differentiate themselves.

Authoritarian and nationalistic organizations and thoughts emerge because people look (mostly unconsciously though) for identity, because they feel lost in the world.

¹”die ZEIT”, July 14th 2016. p. 14

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Ideal: Identität

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„Völkisches und autoritäres Denken gehören zusammen, weil ihr gemeinsames Ideal die Identität ist.“[1] Was bedeutet die Aussage, als gemeinsames Ideal die Identität zu haben?

Während unter völkischem Denken die bewusste Abgrenzung eines „Volkes“ gegenüber anderen Völkern in allen Beziehungen verstanden wird, ist autoritäres Denken verbunden mit einem System, dessen Machterhalt erzwungen wird und daher auch keine anderen Meinungen sowohl im Öffentlichen als auch im Privaten zulässt. Im Folgenden versuche ich zu zeigen, inwiefern ihr gemeinsames Ideal die Identität ist, weil sie diese im Grunde eigentlich nicht haben, sondern Angst und Verlorensein sie antreibt.

Völkisches sowie autoritäres Denken definieren sich dadurch, dass es immer ein Wir und die Anderen gibt. „Wir“ wissen, wie es in Wahrheit richtig ist, die anderen vermeinen es nur besser zu wissen oder behindern „uns“ gar. In all den völkischen und autoritären Gedanken spielt die Abgrenzung gegenüber dem Anderen eine wesentliche Rolle, ohne Abgrenzung könnte sich das Wir nicht definieren und umso stärker es sich abgrenzt bzw. absetzt vom Anderen umso markanter definiert es sich. Das glauben zumindest diejenigen, die Teil dieses völkischen, autoritären Denkens sind.

Etwas in Gemeinschaft zu machen bringt eine Macht mit sich, die wesentlich mehr bewirken kann als Stärke und Kraft einzelner Personen alleine; Macht entsteht, wie Arendt schon erkannte, wenn sich Menschen zusammenfinden und gemeinsam handeln.[2] Populistische oder autoritäre Gruppen sind darum bemüht ihre Gruppen zu stärken, wobei sie sich nicht an qualitativen Eigenschaften orientieren, wie Sportler an ihrer Sportdisziplin oder Musiker mit ihrer Musik, sondern sie nähren sich aus willkürlichen, kontingenten und kaum definierbaren Merkmalen. So definieren sie sich über ein Land, dessen Grenzen willkürlich gezogen wurden und dessen Population durch Migration multikulturell ist (also sich über die unterschiedlichsten Traditionen, Herkünfte oder Geschichten definieren). Autoritäres und völkisches Denken nährt sich in Wahrheit nicht von Überzeugungen und Ideologien, die vernünftige, rationale Ziele auf eben diese Weise zu erreichen versuchen, sondern es nährt sich durch die im Grunde inhaltslose Abgrenzung gegenüber dem Anderen, es nährt sich durch seine Anhänger und die Identität, die sie einander versuchen zu geben, denn mehr haben sie nicht. Was sie haben, ist der verzweifelte Versuch Identität zu erlangen und ihren Frust, Ärger, Zurückweisung und Nichtanerkennung zu artikulieren.

Die Menschen, die ein nationalistisches und totalitäres Denken pflegen, sehen keine Möglichkeiten mehr auf einen besseren persönlichen, finanziellen Wohlstand oder den Kindern eine bessere Zukunft geben zu können. Am essenziellsten allerdings betrifft es diejenigen, die nie die Möglichkeit hatten oder denen die Möglichkeit genommen wurde ihre Identität zu konstituieren. Sie sind von Angst getrieben; Angst um ihren momentanen Wohlstand, Angst um ihre Zukunft, Angst etwas zu verlieren (dieses „etwas“ kann dabei sehr vielfältig ausfallen). Wie das Zitat zu Beginn so gut zusammenfasst; ihr Ideal ist die Identität. Ihre Suche, ihr verfolgtes Ziel, überschattet von vermeintlichen Ideologien und Theorien, ist die bloße Identität, weil sie sonst nichts haben, womit sie sich identifizieren könnten, weil sie, von Angst getrieben, sich verloren haben und nicht wissen, was ihr eigentliches Sein ist. Diese Menschen wissen also im Grunde nicht, wer sie sind, sie kennen ihre eigene Person so wenig, dass sie verloren in der Welt umhersuchen nach dem Wesentlichen des Menschsein; der eigenen Identität. Ihre Rettung ist letztlich das völkische Denken; ein Denken, das durch ein Abgrenzen gegenüber allem Anderen Identität stiftet, das plötzlich den Menschen einen Sinn im Leben gibt und ihnen gleichzeitig eine Antwort bietet, wieso sie in ihrem Leben unzufrieden sind[3]. Das allgemeine Gefühl der Unzufriedenheit lässt viele Ursachen für dieses zu, doch meist sind sich die Menschen nicht darüber bewusst, dass die eigentliche Ursache für ihre Unzufriedenheit aus der Suche nach Erfüllendem, das man nicht auszudrücken weiß, erwächst. Schuld, so lautet die Antwort, sind also die Anderen, die, die nicht zu „uns“ gehören, die, die „uns“ in die Lage gebracht haben, in der „wir“ jetzt sind. Sieht jemand keine Möglichkeiten mehr, erwächst das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, welches wiederum Frust und ein Gefühl von Schwäche hervorruft. Um dieses Gefühl zu kompensieren, schließen sich diese Menschen zu einer Gruppe zusammen, um Macht zu erlangen und der eigene Frust wird durch das Schlechtmachen der Anderen befriedigt.

Der Mangel an eigener, persönlicher Identität ruft ein Verhalten hervor, das die Identität anderswo sucht und sie in irrationalen aber emotional befriedigenden Antworten findet. Ein Mensch der sich über sich selbst definiert, braucht keine ausgrenzende Gruppe, er braucht kein Wir und keine Anderen um sich zu definieren, sich abzugrenzen.

Autoritäre und nationalistische Gruppen entstehen also, weil ihre Mitglieder (meist jedoch unbewusst) nach Identität suchen, weil sie verloren sind in der Welt.

[1] S. 14 der ZEIT vom 14.Juli 2016

[2] Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom Tätigen Leben. Und Macht und Gewalt.

[3] Die Person muss sich nicht bewusst sein, dass es ihr schlecht geht, aber es herrscht das Gefühl der Unzufriedenheit, der Suche nach etwas Erfüllendem, das man nicht auszudrücken weiß.

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